Die Schriftstellerin Barbara Frischmuth hat in einer Rede am 21. September in Linz zum Tag des Internationalen Friedens eine geniale Formulierung gefunden, die mich elektrisiert hat. Sie sagte: "Wie aber könnte es gelingen...... einen alltäglichen Frieden vom Zaun zu brechen? ....."
Unmittelbar beim Lesen (Der Standard hat die Rede in seiner Samstagausgabe abgedruckt) hat mich buchstäblich "gepackt", was sie damit ausgedrückt hat. An anderer Stelle wird sie noch deutlicher, sie verwendet das Wort Aggressionsvermögen in einem Aufruf zu einer neuen Streitkultur, in der es Streitpartner statt Streitgegner gibt. Sie sagt: "Damit dieses uns mitgegebene Aggressionsvermögen sich nicht gegen uns kehrt, sondern uns dazu anstiftet, für die bessere Sache auch die besseren Argumente zu finden. ..."
Für mich fühlte es sich an, als hätte sie in Worte gepackt, was ich in letzter Zeit an mir und in mir beobachte: Die Zeiten, in denen ich um des lieben (lauen) Friedens willen geschwiegen habe, sind im Moment vorbei. Ich fühle wieder stark in mir, daß ich etwas zu sagen habe, daß ich einen Standpunkt habe. Etwas aber hat sich geändert: Auch wenn mich Dummheit und Ignoranz in Rage zu versetzen mögen, der Grundton bleibt dort, wo ich mir bewusst bin, daß jedes Gegenüber so wie ich ein Herz hat, eine prägende Geschichte seines Lebens. Ich bin mir des Inneren Kindes gewahr, meines und dessen meines Gegenübers. Und ich kann tatsächlich nachvollziehen, daß dieses Aggressions-Vermögen ein "Vermögen" ist, Lebenskraft, Energie, die weise eingesetzt werden will, aber eben auch nicht unterdrückt sein soll.
Wenn ich grundsätzlich in der Liebe bleibe, kann sich ein Streitpartner dem letztlich nicht entziehen. Die Botschaft kommt nonverbal bei meinem Gegenüber an, und die Gefahr einer "Entzündlichkeit" des Gesprächs ist prinzipiell gebannt.
Ich weiß, daß das keine neue Erkenntnis ist, und eigentlich wissen wir das alle. Für mich ist interessant, daß ich es jetzt fühlen kann. Und ich merke wie noch nie, daß die Intensität der Liebe zum Leben alles überwiegt. Die Schönheit in jedem Moment, die Rollen, die wir spielen (im besten Sinne, also z.B. als Mutter, als Kind, usw.), alles erscheint mir momentan wohltuend durchsichtig, transparent für die Liebe, die hinter allem steht und in allem ist.
Nützen wir diese aktuelle Zeitqualität für Diskussionen und (auch kontroverse) Gespräche, los, brechen wir Frieden vom Zaun!
By the way: Barbara Frischmuth (von der ich übrigens nur ein einziges Buch gelesen habe) schreibt seit 1966. In Anbetracht der Entwicklung bis heute -- wieviel Liebe muß jemand zum Leben und zu dieser Berufung haben, um im Jahr 2011 eine Rede für den Frieden schreiben zu können, die frisch und elektrisierend ist und provokante Lösungsansätze wagt. Das beeindruckt mich. Konstantin Weckers "Nur dafür laßt uns leben" gehört im Zusammenhang mit diesem Post gehört. Alt, jedoch hochaktuell, transportiert er für mich perfekt das Feeling einer unbändigen Liebe zum Leben...
