Gedanken zum Geschenk des Lebens, inspiriert von Christoph Schlingensief...
Gestern abend fiel in einem Gespräch mit einer Freundin, die beruflich viel mit Kranken zu tun hat, ein Satz von ihr, der mich später noch lange beschäftigte. Sinngemäß meinte sie, es falle ihr in letzter Zeit auf, daß es bei Chemotherapie-Patienten schon fast so weit gekommen sei, daß sie sich als schwach empfinden, wenn sie die Therapie nicht gut vertragen, da es auch einige Menschen gäbe, die aufgrund ihrer Konstitution die Chemo ohne größere Schwierigkeiten erleben. Und die dann -- das Wort, auf das wir uns einigten, war "dynamisch" -- eben als dynamische Typen gelten, die sich von so einer Chemo nicht einfach umhauen lassen. Sozusagen. Wir empörten uns über diese absurde Haltung unserer Leistungsgesellschaft.
Daheim fiel mir dann das Buch "So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein" von Christoph Schlingensief ein, das mich sehr berührt hat in seiner bedingungslosen Ehrlichkeit. Und ich dachte darüber nach, wie er gekämpft hat, wie er sich selber auf den Grund gegangen ist in dieser Zeit, und daß er aber ein Künstler war, der exzessiv seine Kunst gelebt hat, und seiner Kreativität freien Lauf gelassen hat und berühmt war und so weiter.
Worauf ich hinaus will: Wenn schon so ein Mensch, der in seinem Leben nicht im Hamsterrad des Alltags gestanden ist, der es sich erlaubt hat, ganz anders zu sein, und Kontakt zu seinem Inneren Künstler hatte, wenn so ein Mensch in seiner Krankheit Monate damit verbringt, seine Seele zu erforschen, sein Leben zu durchleuchten, auch in Frage zu stellen, was er gemacht hat, und zwischen Hoffnung, Angst und Verzweiflung pendelt, wie dringend braucht dann erst ein "normaler" Krebspatient die Möglichkeit, auf sich zu hören, Verzweiflung und Schmerz auszudrücken, mal auszurasten (im Sinne von durchdrehen), und vor allem sich Ruhe zu gönnen.
Christoph Schlingensief: ...natürlich darf man in der Öffentlichkeit seine Tränen zeigen. Warum denn nicht? Was haben die alle für Probleme mit ihrem Selbstüberwachungsstaat? Als besäßen wir alle irgendein kleines Kästchen, das gegenüber allen anderen beschützt werden muß. Die sollen doch mal ihre Emotionen rauslassen, die Leute! Scheiß doch auf dieses ganze Absicherungsgetue, dieses Verstecken vor den anderen! Diese meterdicken Verbände, die sich die Leute um ihre Wunden wickeln, können mir doch gestohlen bleiben. Ich will in dem Zustand, in dem ich jetzt bin, jemand anderem begegnen und sagen: Schauen Sie, hören Sie! Und der autonome Betrachter reagiert, indem er vor allem mit sich selbst umgehen muß....
Wofür läßt sich ein Mensch vereinnahmen von einer Gesellschaft, die sich keinen Pfifferling für seine Seele interessiert? Vor ein paar Monaten hatte ich immer so einen Satz im Ohr, der einen gewissen Rhythmus hatte: "Wen, wenn nicht Dich, interessiert, was Deine Seele will? Wen, wenn nicht Dich, interessiert, was Deine Seele will?" Es stimmt. Und heute denke ich, es war ein Hinweis auf das Thema "Eigenverantwortung", das sozusagen gerade in Leuchtbuchstaben über unseren Köpfen schwebt. Wir sind dafür verantwortlich, für uns zu sorgen. Auch in seelischer Hinsicht. Es kommt niemand und erledigt das Thema Selbstliebe für uns. Niemand nimmt uns das Thema Eigenverantwortung ab. Niemand würdigt das Geschenk unseres Lebens für uns. Das müssen wir schon für uns selber tun.
Christoph Schlingensief: Warum konnte ich mich und meine Sachen nicht einfach mögen, egal, was die anderen gesagt haben? Warum habe ich nicht einfach das Leben genossen? Warum habe ich es nicht als schön empfunden, dass so viele Gedanken zusammenkamen? .... Warum habe ich mich für meine Arbeit nicht einfach mal gemocht? Für die Fähigkeit, Leute zusammenzubringen, Gedanken zusammenzubringen und zu mixen -- das kann ich doch, und das ist mir doch wichtig. ...... Aber ich habe mich nicht freuen können, mich nicht streicheln und lieben können. Sich immer mal wieder zu sagen, Christoph, das war ein guter Tag, das hast du gut gemacht -- das habe ich einfach vergessen. Und das ist schade. Das ist sehr, sehr schade.
Und an anderer Stelle: Ich bin heute zu Fuß zur Pizzeria gelaufen, 25 Minuten lang. An jedem dritten Baum mußte ich stehen bleiben und verschnaufen, weil die Narbe beim Laufen nach vorne ausstrahlt und es dann ziemlich wehtut. Da habe ich einfach meinen Rücken an die Bäume gepresst, und der Schmerz hat nachgelassen, das war toll. Aber das Schönste war: Ich habe heute auch Bäume gestreichelt. Ich habe sie berührt, die Blätter gestreichelt, meinen Kopf hinten an der Rinde langsam hin und her gerieben, meine Füße im Gras gespürt. Es war einfach wunderschön. Das hätte ich mir früher nie zu sagen erlaubt. Aber ich bin eben jetzt so. Ich bin jetzt auch ein bisschen esoterisch. Jedenfalls war das ein Jahrhundertausflug für einen Spagettiteller.
Ja, ich denke, es ist eine wichtige Aufgabe, die wir hier auf diesem Planeten Erde haben, unsere Glücksmomente zu genießen. Zu wissen, was Glück bedeutet. Auch wenn jeder Mensch anders gestrickt ist, meistens werden echte Glücksgefühle durch die einfachen und wahrhaftigen Dinge ausgelöst: das Lachen eines Kindes, prallvoll blühende Obstbäume, ein Regenbogen, der erste Schnee, ein Musikstück.
Mein derzeitiger Favorit: ein Häferl dampfend heißer Kakao am Abend auf meinem Balkon, die Vögel zwitschern noch, ich sauge den Anblick der Natur richtig auf, streichle die Lavendelpflanzen mit meinen Blicken, ich freue mich schon darauf, wenn die violetten Blüten endlich da sind. Daneben ein Bouquet aus gelben, roten, rosa und lila Blüten in einem großen Topf, frech gemischt in Farben, die eigentlich nicht zusammenpassen, aber in ihrer Üppigkeit und Vielfalt ein Geschenk sind. Und plötzlich fällt mir ein: So bin ich auch, widersprüchlich in meinen Anlagen und Talenten, bunt, nicht jedermanns Sache, üppig in der Form und in meiner Vielfalt auf jeden Fall ein Geschenk. Danke, mein Leben, daß ich dich leben darf!