Sonntag, 17. Juli 2011

Musik.

Link:  I'm so glad I'm standing here today

Ich war Dreizehn, als ich in der hiesigen Hartlauer-Filiale (gibt's dort nicht mehr) mit einer Freundin Plattenhören war. Die Single sah alt aus, irgendwie. Joe Cocker und die Crusaders. Nicht wirklich das, was gerade angesagt war. Trotzdem spürte ich, daß es wichtig für mich war, reinzuhören. Schon die ersten Takte elektrisierten mich. Ich hörte weiter, und dann wußte ich zweifelsfrei, dieses Lied gehört zu mir! Ehrlich, ich war richtig aufgeregt. Ich nötigte meine Schulfreundin, die Kopfhörer zu nehmen und das anzuhören. Nach ein paar kurzen Augenblicken zuckte sie die Schultern und gab mir die Kopfhörer zurück. Sagte ihr nichts. Mir aber umso mehr. Ich kaufte die Single. Noch jetzt kann ich mich an das Gefühl erinnern, einen Schatz gefunden zu haben. Und heute, mit Internet, wo es keine große Sache ist, welches Musikstück auch immer zu finden, macht es mir noch immer eine Riesenfreude.
"I was at home sick with the flu that night, had been in bed for 3 days, and I swear to you I was healed while watching that performance! Powerful stuff." 
Das ist ein Ausschnitt aus einem Kommentar zum Lied auf youtube und ich kann dazu nur sagen, das glaub ich dem aufs Wort! Mehr noch: Gerade heute hat dieses Lied auch mich wieder geheilt. Nicht körperlich, aber als Seelenbalsam. Gibt schon viel Wahnsinn hier auf unserem Planeten. In den letzten Tagen hatte ich in gewisser Weise ein Abgrenzungsproblem. Es ging um die Dürre in Ostafrika und ich hatte den Fehler gemacht, einen Bericht zu lesen, in dem drastisch geschildert wurde, was vorging, und daß 1,6 Mrd. Dollar nicht aufzutreiben waren, die die UNO braucht, um das Schlimmste nicht zu verhindern, aber abzumildern. Und vorher hatte ich blöderweise gelesen, daß in einem finanzpolitischen und/oder wirtschaftspolitischen Zusammenhang grade mal 85 Mrd. Euro bereitgestellt wurden. Naja, und dann hatte ich ein Problem. Ein Machtlosigkeitsproblem. Ein "Ich möchte toben wie ein kleines Kind"-Problem und ein "Ich halte es nicht aus, ich muß auf die Barrikaden gehen"-Problem. Folgendes habe ich mir dabei in Erinnerung gerufen, weil ich mir vorgenommen habe, es mir in Erinnerung zu rufen, wenn der "innere Revoluzzer" wieder mal "Hallo" sagt (oder besser gesagt: schreit):

Wir haben für „Rebellen“ eine eigenwillige, unübliche Definition gewählt. Für uns sind Rebellen „Musterbrecher“. Menschen, die den Zeigefinger hin zum eigenen Herzen drehen. Die sich selbst in den Wind der Veränderung stellen und die bei sich selbst beginnen. Rebellen in diesem Sinne sind Menschen, die sich erlauben, mit dem Herzen zu denken und fühlend wahrzunehmen. Auch die eigenen Unebenheiten und Schatten – um diese fühlend zu befreien. (Nochmals: Dieses Bild des „Rebellen“ ist still und unspektakulär und unterscheidet sich von der üblichen Bedeutung. Wir bitten um Toleranz.) Ganz anders Revolutionäre. Diese zeigen auf den anderen. Auf die andere. Auf das System. Auf die Gesellschaft. Geben anderen die Schuld. Alle Revolutionäre dieser Welt haben versagt und ihre eigenen Kinder gefressen. Wie unappetitlich. Revolutionäre mögen eine große Vision verfolgen – doch der Ansatz hat versagt, wie uns die Geschichte lehrt. (Wir müssen die Veränderung sein, die wir erleben wollen. Es mag sein, dass uns andere dann begleiten – oder auch nicht.)
Rebellen lassen das gesamte Konzept von „Schuld“ fallen. Denn sie wissen – wem sie die Schuld geben, dem geben sie die Macht. (Zitat aus dem Programm "Mein Weg -- der Adler befreit sich" von Jwala und Karl Gamper auf www.gamper.com)

Diesen Text konnte ich mit dem Verstand bejahen, aber in meinem Bauch brüllte ein wütender Löwe und mein Herz hatte die Vorhänge zugezogen. Sozusagen. Und dann das: "I've lived to see the sun break through this dawn, I'm so glad I'm standing here today..." Die Sonne begann vorsichtig durch die Vorhänge hindurchzuscheinen, und dann... war ich wieder da. Ja, ich stehe hier, an meinem Platz, und ich trage das bei, was ich beizutragen habe. Es scheint nicht viel zu sein, aber das kann man nie wissen. Ein Lied ist auch "nicht viel", es füttert nicht die hungernden Menschen, aber es hat heute meine Seele berührt, und das ist gut so. Und das noch: Ich kenne viele Arten zu heilen, und jede funktioniert auf ihre Weise zur richtigen Zeit unter den richtigen Bedingungen. Musik ist definitiv eine davon. Ein Heilinstrument, das wir gar nicht hoch genug schätzen können. Herzöffner. Danke.


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